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In ständigem Kontakt mit dem Reich der Toten
Dolly Röschli legt die Stirn in Falten und guckt konzentriert. «Ich habe hier einen Herrn, da sind väterliche Gefühle . . . er ist sehr plötzlich verstorben. Erkennt das jemand?» Sie schaut in die Runde. Zögerlich erheben zwei Frauen die Hand. «Mein Vater . . .», sagt eine der beiden. Röschli nickt. «Er war nicht so gross, eher ein bisschen breit, nicht korpulent, aber ein Bäuchlein.» Die Dame wirkt unsicher. «Er war gerne unterwegs, ging immer mit einer Mappe unter dem Arm zur Arbeit», versucht Röschli es. «Nein», die Dame schüttelt den Kopf. Eine andere meldet sich: «Doch, das passt, mein Vater war Lokführer.» Röschli konzentriert sich auf sie, die Hand an der Stirn. «Er hat oft so gelöcherte Shirts getragen . . .» - «Mehr so gestrickte Unterhemden», wirft die Dame ein. «Ja, ja, genau . . .», bestätigt Röschli.
Die Toten sind etwas vage
Wir befinden uns in einem kleinen Dachraum beim Bahnhof Aathal im Zürcher Oberland. Eine Gruppe von knapp 40 Personen (darunter drei Männer) zwischen 20 und 70 sitzt im Halbkreis vor den Medien Dolly Röschli und Trudy Diserens. Sie sind hier, um demonstriert zu bekommen, wie die beiden Frauen mit Toten in Kontakt treten. Etwas mehr als die Hälfte sieht so etwas zum ersten Mal. Rund 90 Minuten dauert die Demonstration, die Medien wechseln sich ab. Röschli erklärt einleitend, dass sie in einer Gruppensituation auf allzu Persönliches verzichten - in einer privaten Sitzung sei das natürlich anders. Das Verfahren der Zuordnung zu einem Gast im Publikum ist immer gleich: Die Medien beginnen vage, nutzen die Antworten aus dem Publikum, um zu präzisieren, bleiben dabei vage, bis aus dem Publikum weitere Präzisierungen erfolgen. Einige Schwenker bezüglich der Identität der Toten («eine Dame von der deutsch-österreichischen Grenze» kommt am Ende aus dem Burgenland; eine «junge Frau im Kloster» entpuppt sich als Grossmutter einer Dame im Publikum, deren Tante im Kloster ist) werden gemacht, ohne dass dies Irritationen auslöst.
Die Botschaften der nicht sonderlich präzis kommunizierenden Toten sind simpel: Eine Dame wird aufgefordert, sie solle die Quirligkeit ihrer Jugend wiederentdecken, eine andere, sie solle mit einem nicht näher definierten Projekt endlich vorwärts machen; einer der Herren soll sich auf seine eigentlichen Talente besinnen. Am Schluss die Frage ins Publikum: Wie viele glauben, dass sie tatsächlich Kontakt mit Toten hatten? Rund 75 Prozent heben die Hände. 25 Franken kostet der Abend pro Person. Gut möglich, dass einige danach eine persönliche Sitzung buchen - das ist dann teurer. Laut Röschli können diese Demonstrationsabende sehr unterschiedlich ablaufen - dies hänge auch vom Publikum und der Tagesform des Mediums ab.
Ein Poltergeist!
Szenenwechsel: Eine kleine Wohnung am Stadtrand von Zürich. Der Mental-Trainer Davor Baggio geht von Raum zu Raum, eine kleine Glasschale mit brennendem Salz in den Händen. Die Bewohnerin, eine etwas über 70-jährige Frau, sieht ihm dabei zu. Sie hat einen Poltergeist. Angefangen hat es, als vor knapp sechs Jahren ihr Partner verstarb. «Ein schwieriger, jähzorniger Mann», sagt sie, die sich selbst «leichte mediale Fähigkeiten» zuschreibt. Seine Asche hat sie im Garten verstreut, und schon kurz darauf hat es nachts am Fenster der Parterrewohnung geklopft. Später klopfte es auch an der Schlafzimmertür, Elektrogeräte gingen an, sie wachte mehrmals morgens um 5.04 Uhr auf, dem Zeitpunkt, an dem ihr Partner gestorben war.
Schon einiges hat sie versucht, mit einem reformierten Pfarrer gesprochen, eine buddhistische Reinigung durchführen lassen - ein katholischer Geistlicher habe ihr gar einen Exorzismus vorgeschlagen. Ein Bekannter schliesslich diagnostizierte: «Du hast einen Poltergeist!» und schickte sie zu einer Geistheilerin. Die verwies sie auf die Schweizer Parapsychologische Gesellschaft, die ihr wiederum Davor Baggio vermittelte. Er ist auf so genannte Clearings und energetische Hausreinigungen spezialisiert. «Das ist ein etwas extremer Fall», sagt Baggio. «So etwas passiert nicht oft - meistens sind es kurz zuvor Verstorbene, die sich bemerkbar machen, weil noch etwas ungelöst ist.» Er konstatiert «schlechte Energien» in der Wohnung.
Das brennende, «speziell gesegnete» Meersalz spiele bei der Reinigung eine wichtige Rolle, dazu eine Räuchermischung. Ausserdem arbeitet Baggio mit seiner Kundin, versetzt sich in Trance und tritt in Kontakt mit dem Toten. «Ich bin sicher, dass er es war», sagt die Dame danach. «Er hat mir gesagt, dass er zu Lebzeiten sehr mit seinen eigenen Problemen beschäftigt war und mich deshalb so schlecht behandelt hat. Und er hat mich um Verzeihung gebeten.» Eine Rückfrage eine Woche später ergibt: Seither ist alles ruhig geblieben, kein Klopfen mehr, nichts. Allerdings ist vor kurzem ein schwacher, brauner Handabdruck an der Wohnzimmerwand aufgetaucht. Nahe bei jenem deutlich erkennbaren schwarzen, den der Mann noch zu Lebzeiten selbst gemacht hatte. Dies aber beunruhigt die Frau nicht weiter. 250 Franken hat die Reinigung gekostet, je grösser das Gebäude, desto höher der Preis. Für einen Bauernhof verlangt Baggio 500 Franken. Pro Jahr führt er rund 30 solcher Hausreinigungen durch. «Das Potenzial wäre aber grösser - viele getrauen sich nur nicht, sich auf so was einzulassen», sagt der 42-Jährige, der vor rund zehn Jahren mit den Clearings angefangen hat. Als Exorzist will er nicht bezeichnet werden, «denn Exorzisten bekämpfen Dämonen. Ich hatte es bisher nur mit verstorbenen Menschen zu tun.» Manchmal übrigens rät Baggio bei Anfragen auch zum Besuch eines Psychotherapeuten.
Der ganzheitliche Blick
Im Hintergrund dieser übersinnlichen Aktivitäten steht die Schweizer Parapsychologische Gesellschaft (SPG), die 1952 von Psychologen, Geistlichen und Studierenden in Zürich gegründet wurde mit dem Ziel, «das materialistische Weltbild zu ergänzen und einen ganzheitlichen Blick auf die Dinge zu werfen», wie Néné von Muralt erklärt. Die damalige Mitbegründerin ist heute «ein bisschen über 80» und noch immer Teil des kleinen Führungszirkels der SPG. Auch der Erforschung jener Phänomene wie Telepathie oder Jenseitskontakte habe man sich verschrieben - viel sei jedoch nicht möglich gewesen. «Es ist sehr teuer, und dafür Geld zu finden war praktisch unmöglich.»
So beschränken sich die Aktivitäten der SPG auf eine Fülle von Vorträgen und Seminaren («Chaldäische Kabbala», «Reinkarnations-Bewusstsein», «Die Ebene II spricht»), Medien-Demonstrationsabende sowie das Vermitteln von Medien für Privatsitzungen. Regelmässig lädt die SPG auch prominente Medien aus dem Ausland ein, die für ein paar Wochen in Zürich und meist rasch ausgebucht sind, wie Vivian Scheifele erklärt, die bei der SPG für «den Mediensektor» zuständig ist. Pro Woche rufen 15 bis 20 Personen an, die sich für Medien interessieren; persönliche Sitzungen finden pro Monat rund 40 statt. «Manchmal sind es aber auch 40 pro Woche, wenn ein prominentes Medium da ist.»
Laut Scheifele wollen 60 Prozent der Kunden mit kürzlich Verstorbenen in Kontakt treten, um ungelöste Probleme zu klären, 40 Prozent erhoffen sich Erkenntnisse für sich selbst, etwa über die berufliche Zukunft. «Einige glauben auch, dass sie selbst medial sein könnten und wollen mehr herausfinden», sagt Scheifele.
Vom eigenen Erfolg überrollt
Als die SPG 1952 mit ihren Aktivitäten begonnen hat, wurde sie weitherum belächelt, erinnert sich Néné von Muralt. Heute leidet die Gruppe unter dem Erfolg der Esoterikwelle, die seither über die westliche Welt geschwappt ist. Es gibt derart viele Vereinigungen und Angebote auf diesem Markt, dass die SPG ums Überleben kämpfen muss. «Wir waren Pioniere», sagt die alte Dame aus Küsnacht. «Heute sind die Menschen viel offener für diese Dinge, manchmal vielleicht sogar zu offen.» Und leider gebe es auch viele «Scharlatane, die nur Geld machen wollen».
Derzeit besteht die SPG aus rund 700 Mitgliedern, auf ihrem Höhepunkt Mitte der 90er-Jahre waren es rund 1200. Der Führungszirkel ist überaltert: «Wir bräuchten dringend jüngere Leute», sagt von Muralt, «aber die haben heute kaum mehr Zeit.» Auch sei alles sehr teuer geworden. Für gute Referenten aus dem Ausland müsse man horrende Summen bezahlen, die fast nicht reinzuholen seien.
Die Geldknappheit ist auch im idyllisch gelegenen Zentrum der SPG an der Zollikerstrasse im Zürcher Seefeld nicht zu übersehen. Der Kellerraum wirkt ältlich, der Teppich abgewetzt - aber er bietet Platz für rund 120 Personen, und bei prominenten Referenten kanns auch mal eng werden. Insbesondere die Kontakte mit Toten finden grossen Anklang. «Da kommen auch viele junge Leute», sagt Vivian Scheifele. Nicht alle Medien jedoch seien gleich erfahren. «Oft aber ist es wirklich verblüffend, wie genau sie es treffen. Allerdings haben sie auch nicht immer Recht.»
«Geisterbeschwörung, wie man sie aus Filmen kennt, gibt es nicht»
Das Zürcher Medium Dolly Röschli erklärt, wie sie Kontakt mit Toten herstellt und was man sich unter dem Jenseits vorstellen muss.
Frau Röschli, was genau ist ein Medium?
Eine Art Transmitter, ein Durchlauferhitzer, jemand, der den Kontakt zur geistigen Welt herstellen kann.
Kann das jeder werden?
Im Prinzip ja. Aber wie gut man ist, hängt auch vom eigenen Talent ab. Ich bin aber überzeugt davon, dass alle Menschen bei der Geburt mediale Fähigkeiten haben - viele jedoch verlieren diesen Sinn mit dem Einleben in die Gesellschaft, wie sie heute ist.
Wie sind Sie zum Medium geworden?
Ich habe schon als Kind Personen gesehen, die andere nicht gesehen haben. Meine Eltern waren da ziemlich offen und haben nachgefragt, und schliesslich konnten sie den Mann, den ich da sah, als meinen Urgrossvater identifizieren. Er hat mir auch Dinge gesagt, die ich nicht wissen konnte, die mir dann aber sein Sohn, mein Grossvater, bestätigt hat. In der Pubertät war es besonders stark - und ich bin dann auf eine Frau gestossen, die mir den Kontakt zu einem Medium vermittelt hat. Von ihr habe ich erfahren, dass man lernen kann, damit umzugehen. Dann habe ich in England diverse Ausbildungen gemacht. Seit 13 Jahren bin ich als Medium tätig, 8 Jahre davon hauptberuflich.
Wie sehen Sie denn die Toten?
Als Kind viel deutlicher - so deutlich, wie Sie jetzt mir gegenübersitzen. Heute kommt das nicht mehr oft vor. Meistens ist es eine Art Flimmern im Raum, mehr so eine Art Energie.
Und die redet mit Ihnen?
Die Kommunikation läuft über Bilder, Gefühle; ich bin eine Art Buch für sie, das sie benutzen, um etwas zu übermitteln. Je mehr ich weiss, je mehr Lebenserfahrung ich habe, desto eher können sie das benutzen, um mir etwas zu signalisieren, das ich dann weitergeben kann.
Was tun Sie denn genau, um den Kontakt ins Jenseits herzustellen?
Ich sehe sofort, wenn zusammen mit dem Klienten ein jenseitiges Wesen da ist. Bisher war da noch immer jemand, meistens sind es sogar drei oder vier. Und würde mal niemand auftauchen, würde ich es sagen, ich kann ja nichts erfinden.
Also Sie können nicht einfach jeden Toten herbeizitieren?
Ich kann gar niemanden herbeizitieren. Entweder jemand ist da oder nicht. Eine Geisterbeschwörung, wie man sie aus Filmen kennt, das gibts nicht. Manchmal wollen Kunden auch ausgerechnet mit jemandem sprechen, der halt einfach nicht auftaucht. Da kann ich auch nichts machen.
Wie klar identifizierbar sind denn diese jenseitigen Wesen?
Ich bekomme Gefühle und Bilder von ihnen, die gebe ich dann den Klienten weiter, und wir versuchen zusammen herauszufinden, wer es ist. Sobald das geklärt ist, gehe ich auf das Thema ein, das das jenseitige Wesen mir bringt. Meist geht es dabei um Trauer und Verlust, um Unerledigtes - auf beiden Seiten. Übrigens habe ich auch immer mehr männliche Kunden. Aber Frauen sind viel offener für diese Themen.
Wie muss ich mir das Jenseits vorstellen?
Schwer zu sagen . . . Das ist einfach eine andere Ebene, neben unserer. Vielleicht kann man es mit Radiowellen vergleichen, die sieht man auch nicht, aber sie sind ganz klar da, sie sorgen dafür, dass aus entsprechend dafür ausgerüsteten Geräten Musik ertönt. Es ist da, aber die meisten von uns können es nicht wahrnehmen.
Und auf dieser anderen Ebene bewegen sich alle, die jemals gestorben sind?
Davon gehe ich aus. Ich persönlich glaube aber an die Wiedergeburt, das heisst, dass die Verstorbenen irgendwann auch nicht mehr im Jenseits sind.
Von Ralf Kaminski
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Dolly Röschli, 32, hat einen Draht zur geistigen Welt. Sie nimmt Kontakt mit Toten auf. Nicht alle sind gesprächsbereit
Im Dezember geht es mir gut. Der Vorhang ist dünner. Ich bekomme viel direkteren Kontakt zu den Verstorbenen. Auch die Nachfrage steigt in diesen Tagen. Die Leute suchen nach Antworten. Heute Morgen hat ein Mann in der Sitzung geweint, im Guten. Ich brachte ihm Nachricht von seiner Tochter, die mit 25 gestorben ist. Ein Unternehmer, glaube ich, aber das ist unwichtig. Je weniger ich über das Leben meiner Kunden weiss, umso unbelasteter kann ich die Verbindung zu ihren Lieben herstellen. Nur so bleiben meine Aussagen glaubwürdig. Als Medium mache ich weder Wahrsagung noch erteile ich Ratschläge. Sondern man kommt zu mir, damit man mehr Klarheit bekommt über das eigene Leben. Um bestätigt zu haben, was man im Grunde selber ahnt. Dazu braucht es keine Kristallkugel. Gerne lasse ich aber ein Kerzlein brennen.
Ich stehe zwischen halb sieben und sieben Uhr auf. Die Kinder wecken mich, und dann bleibt auch etwas Zeit für sie. Ich arbeite morgens, mache zwölf bis fünfzehn Sitzungen pro Woche, bisher bei der Schweizer Parapsychologischen Gesellschaft in Zürich, manchmal auch zu Hause in Uster. Weil ich die zwei Welten trennen will, meine Kinder und die Kunden sich nicht ständig begegnen sollen, verlege ich das Sitzungszimmer im Januar in eine Gemeinschaftspraxis in Aatal-Seegräben. Ich werde dort unter lauter Physiotherapeuten und Fusspflegern der Paradiesvogel sein.
Meine Mutter, sie legt selber Hände auf, hat mir immer gesagt, dass ich meine Fähigkeit nicht an die grosse Glocke hängen soll. Man handle sich so nur Ärger ein. Die Leute könnten mich für verrückt halten. Ich habe schon früh gespürt, dass ich anders bin. Gut möglich, dass meine Hellfühligkeit mit dem Emmentaler Boden zu tun hat, auf dem ich aufgewachsen bin, in Wyssachen. Dort gibt es viele Wundergeschichten. Mit vier, fünf Jahren sah ich immer den Urgrossvater im Zimmer stehen, obwohl ich ihn nie gekannt habe. Meine Eltern erkannten ihn aufgrund meiner Beschreibung. Mit 16 sagte mir eine Fremde im Zug: Gäu, du denkst, du bist nicht normal? Ich dachte: Was geht es dich an? Sie: Du bist normaler als viele andere, denn du nimmst die geistige Welt wahr. Das war die Zündung. Mit 19 liess ich mich am Arthur Findlay College in England medial ausbilden.
Wie die Kontaktnahme geht? Es hat viel mit Konzentration zu tun. Ich kann die Toten nicht herbeibefehlen. Wäre das möglich, würde ich Elvis rufen und mit ihm ein Duett singen. Auch sehe ich Gesichter meist nicht scharf. Es ist mehr e ine Energiearbeit. Man muss es sich wie das Flackern über einer Strasse in der Sommerhitze vorstellen. Das Geistwesen teilt sich in einer Symbolsprache mit. Die muss ich deuten können, auch hellhörig sein, erkennen, ob Mann oder Frau spricht, Russisch oder Walliser Dialekt. Stimmen und Bilder entspringen dabei immer meiner eigenen Erinnerung, verstehen Sie? Es ist meine Erinnerung, die abgerufen wird, um eine Aussage zu machen. Ich bin wie ein Computer, nur Mittel zum Zweck.
Am Mittag übernehme ich die Kinder. Sophia ist drei, Julian eineinhalb Jahre alt. Wenn ich arbeite, passen eine Nanny oder meine Mutter auf sie auf. Mit den Kindern spüre ich wieder, dass ich lebe, nachdem ich unter Geistern war. Wir gehen einkaufen, spazieren oder gärtnern. Jäten tut gut. Ich will den Kindern Werte vermitteln, Respekt vor der Natur etwa, dass auch ein Baum ein Lebewesen ist. Die Tür zur andern Welt bleibt dann geschlossen. Es kann aber vorkommen, dass ich beim Abwaschen oder Bügeln plötzlich jemanden neben mir spüre. Eine Hitze befällt mich, das rechte Ohr wird ganz rot. Wie vorhin, als ich einen Rega-Helikopter über die Autobahn fliegen sah. Ich bin dann nicht bei den Verunfallten, sondern bei den Angehörigen, die nicht loslassen können. Die Toten brauchen mich nicht.
Dass sie keine Angst haben muss, das will ich auch meiner Tochter vermitteln. Ich glaube, sie hat bereits Ahnungen. Einmal zeigte sie von ihrem Bettchen aus in die Zimmerecke und sagte: Wauwau. Wo?, fragte ich und schwang mich auf die geistige Ebene ein. Tatsächlich, da war Jimmy, der verstorbene Hund meiner Mutter. Ich will Sophias mediale Fähigkeit aber nicht fördern. Sie soll sich entwickeln oder auch nicht. Morgen fahre ich ins Wallis, wo ich ebenfalls Kundschaft habe. Ich habe ein altes Bauernhaus gekauft, das ich umbaue. Jetzt sind die Böden an der Reihe. Den Parkettboden lege ich selber. Nächste Woche steht dann der Feinabrieb der Wände an.
So, ich muss jetzt los, Sophia wartet in der Spielgruppe. Danach koche ich Znacht. Wir essen häufig nur zu dritt. Stephan, mein Mann, kommt oft spät nach Hause. Er ist Unternehmensberater im Finanzbereich mit eigener Firma, daneben Dozent an der Universität St. Gallen. Obwohl er mit wichtigen Leuten zu tun hat, war er meiner Arbeit gegenüber stets offen. Er erzählt es sogar in Geschäftsleitungssitzungen. Viele reagieren neugierig. Ein CEO hat mal kommentiert: «Ihre Frau hat ein gutes Businessmodell. Gestorben wird immer.»
Um acht Uhr sind die Kinder im Bett. Ich lege mich um zehn Uhr schlafen. Ich brauche acht bis zehn Stunden Schlaf. Die Arbeit kostet viel Energie. So aufwühlend ist das alles.
Von Birgit Schmid / Bild Vera Hartmann
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Spuren Nr. 71
Frühjar 2004
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Draht nach drüben
Als kleines Kind spielte Dolly Röschli mit Geistwesen. Heute vermittelt sie Menschen den Kontakt zu verstorbenen Verwandten.
«Ich sehe einen jüngeren Mann, so Mitte dreissig. Er ist abgestürzt. Ich sehe eine Felswand, und ich glaube, dass diese Person Ihnen sehr nahe stand. Ist das richtig?» Dolly Röschli zeigt auf eine jüngere Frau mit langen braunen Haaren. Die Frau nickt unter heftigem Schluchzen. «Die Person war Bergsteiger.» Wieder nickt die Angesprochene. Dolly Röschli neigt leicht den Kopf zur Seite, wie wenn sie genau hinhören müsste. Ihre rechte Hand kreist leicht in der Luft. Mir scheint als versuchte sie die Essenz der Botschaft zwischen ihren Fingern zu ertasten. «Er wollte jemandem helfen und ist dabei selber abgestürzt», fährt Dolly Röschli mit klarer, ruhiger Stimme weiter. Ihr Berner Dialekt klingt warm, und während sie spricht, geht sie gewandt auf der Bühne auf und ab. Oft sind ihre Augen dabei geschlossen. Die junge Frau antwortet mit erstickter Stimme: «Ja.» Tränen laufen ihr übers Gesicht, manch einer der Anwesenden schluckt mehr als einmal leer. Denn Dolly Röschli spricht von einem Verstorbenen, den sie nicht gekannt hat und der durch sie Kontakt mit seiner Frau aufgenommen hat. «Er sagt, dass es ihm gut gehe und dass er sich gerne an die vielen schönen Briefe erinnere, die Sie ihm immer geschrieben haben», erzählt die Mediale. Ich staune. Meine ganze Aufmerksamkeit gilt der angesprochenen Frau. Ihre Tränen, ihre tiefe Betroffenheit lassen keinen Zweifel zu. Der Mann, der durch Dolly Röschli spricht, war ihr Ehemann. Vor zwei Monaten hat er bei einem Unfall in den Bergen sein Leben verloren.
Medialer Abend
Gut achtzig Menschen haben sich im Singsaal in Unterengstringen bei Zürich eingefunden. Vom Landwirt bis zum CEO, von der Psychologin bis zur Hausfrau sitzen sie hier und staunen ob dem, was sie hier erleben. Auffällig, wie viele Männer anwesend sind. Angesagt war eine öffentliche Demonstration von medialem Kontakt mit Verstorbenen. Viele sind gekommen, weil sie neugierig sind oder skeptisch. Vielleicht sind einige von einer inneren Stimme oder von einer längst verstorbenen Tante hierher geführt worden. Dolly Röschli gibt sich sogar davon überzeugt, dass die geistige Welt Menschen an diesen Ort geführt habe, damit sie Botschaften ihrer Ahnen erfahren, da sie womöglich in diesem Moment eine Entscheidungshilfe gut gebrauchen können. «Die geistige Welt meint es gut mit uns und hilft viel mehr, als wir uns das überhaupt vorstellen können», glaubt Dolly Röschli.
An diesem Abend, den Dolly Röschli mit ihrer medialen Kollegin Mary Röthenmund bestreitet, melden sich noch mehr Verstorbene und überbringen Botschaften, die zum Handeln auffordern. Auffallend oft fliesst das Thema «Reisen» in die Durchsagen ein. Haben sich die Geister abgesprochen, was sie zum Hauptthema des heutigen Abends machen? Auch Dolly Röschli fällt auf, dass einige Abendvorführungen gelegentlich bestimmte Themen mit sich bringen. Letzte Woche war es «Verzeihen», diese Woche scheint es «Reisen» zu sein. «Bei thematischen Demonstrationen fühle ich mich immer auch selbst betroffen, da ein solches Thema alle Anwesenden im Raum angeht», meint Dolly Röschli dazu.
Geister und Trance
Bereits als Kleinkind sah Dolly Röschli im Dunkeln Gesichter, und sie konnte deshalb nicht schlafen. Mit vier Jahren fiel sie regelmässig in Trancezustände und redete die halbe Nacht mit offenen Augen. Ihre Eltern konnten sie dabei weder ansprechen noch aufwecken. Da Dollys Mutter ebenfalls medial war, liess sie ihre Tochter in diesem Zustand. Es passierte auch, dass Dolly mit ihrem für andere Menschen unsichtbaren Freund Jim am Boden spielte und herumtollte. Die folgenden Jahre verlor sie den Kontakt nach drüben wieder. Als sie vierzehn Jahre alt war, schrieb sie Gedichte und philosophische Texte in ihr Tagebuch. Mit fünfzehn war sie davon überzeugt, nicht normal zu sein, da sie Dinge wusste und sah, die anderen verborgen blieben. Sie wusste jedoch nicht, woher diese Informationen zu ihr kamen. In der Schule lachte man sie aus. Sie war die Aussenseiterin. Erst die Begegnung mit einer hellsichtigen Frau, die das riesige Potenzial in Dolly Röschli erkannte, brachte sie auf einen spiritistischen Entwicklungsweg.
Mit 20 Jahren begann sie am berühmten Arthur Findley College in London-Stansted ihre Medialität zu schulen. Sie wurde gefordert und gefördert, und heute gehört sie zu den jüngsten Medien. Obwohl sie bereits im Vorstand der Schweizerischen Parapsychologischen Gesellschaft, SVPP, war, passt Dolly Röschli überhaupt nicht in das klassische Schema, das viele Menschen von einem Medium haben. Sie ist jung. Sie ist hübsch. Sie ist modern. Jeder Firlefanz ist ihr fremd, und Berührungsängste hat sie auch keine. Ihre Natürlichkeit und ihr «normaler» Umgang mit Spiritismus lassen gar keine unheimliche Gläserrückstimmung aufkommen. So führt sie ihre Fähigkeiten wie jüngst auch vor einer Schar UBS-Bankern in Zürich auf oder in einem abgelegenen Walliser Bergdorf bei einer Familiensippe.
Normales Leben
Über Medialität zu verfügen und mit Geistführern in Verbindung zu stehen, heisst noch lange nicht, dass alles im Leben einfacher wäre. «Viele Medien in England haben eine gebeutelte Biografie», meint Dolly Röschli lapidar und fügt hinzu, «man muss etwas am eigenen Leib erlebt haben, um Menschen, die zu einem geführt werden, hundertprozentig verstehen zu können.» Ende letzten Jahres hat sie ihre Stelle als Personalberaterin verloren, auch sie kennt Existenzängste und die Sorge, wie sie ihre Rechnungen bezahlen soll. Mit öffentlichen Vorführungen wie derjenigen in Unterengstringen wirbt sie quasi für sich und ihre Fähigkeiten. Denn am effektivsten und auch am liebsten arbeitet Dolly Röschli mit Einzelpersonen, die zu ihr finden. Da können sie und die geistige Welt in die Tiefe gehen und Botschaften noch persönlicher überbringen. «Ein Reading genügt für längere Zeit, denn auch nach zwei Wochen würde keine neue Botschaft kommen», weiss sie und, «oft geht es in den Durchsagen ja darum, dass der Betroffene etwas Konkretes tun soll.»
Nach etwa zehn Kontakten mit der geistigen Welt und nach gut neunzig Minuten ist der Abend in Unterengstringen zu Ende. Alle Wesenheiten, die sich durch Dolly Röschli und Mary Röthenmund gemeldet hatten, wurden von den Angesprochenen erkannt. Auch Details über Räume, Kleider oder Sprachgewohnheiten stimmten haargenau. Ich verlasse den Singsaal nachdenklich und auch berührt. Draussen, im Schneeregen, steht Dolly Röschli und zieht an einer Zigarette. Den Draht nach drüben hat sie für heute gekappt. Es sei wie ein Kippschalter, den sie ein- und vor allem auch wieder ausschalten kann. «Zu viele Medien sind abhängig von diesem Draht. Doch leben, das müssen wir hier in dieser Welt», meint sie zum Abschied.
Von Claude Jaermann
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